Der Entdecker

Christian Holst ist bei DMT Engineering Surveying Experte für Georadar-Projekte. Dabei kommt es auch vor, dass er bei der Suche nach verborgenen Gruften hilft oder die Kripo bei kniffligen Mordermittlungen unterstützt.

Wenn Christian Holst mit seinem Georadar unterwegs ist, dann dauert es meistens nicht lange, bis ihn erste neugierige Passanten ansprechen. „Die meisten sind sehr nett und interessiert, ich wurde aber auch schon angemotzt“, erzählt der 45-Jährige. Als Google damit anfing, für seine Kartendienste mit dem Kamerawagen durch die Straßen zu fahren, da bekam er häufiger den Unmut von Leuten ab. Christian Holst erklärt dann geduldig, was genau dieser komische Rasenmäher mit dem Laptop obendrauf macht, den er mal vor sich herschiebt oder mit einem Quad hinter sich herzieht. Er erklärt, dass ein Georadar eine geophysikalische Methode zur Untersuchung des Untergrunds ist. Dass es hochfrequente elektromagnetische Wellen in den Boden sendet und die reflektierten Signale aufzeichnet. Und dass Materialien mit unterschiedlichen Eigenschaften, wie Gesteine, Wasser, Metall oder Hohlräume, unterschiedlich reflektiert werden und unterschiedliche Reflexionsmuster erzeugen.

Als Google damit anfing, für seine Kartendienste mit dem Kamerawagen durch die Straßen zu fahren, da bekam er häufiger den Unmut von Leuten ab. Christian Holst erklärt dann geduldig, was genau dieser komische Rasenmäher mit dem Laptop obendrauf macht, den er mal vor sich herschiebt oder mit einem Quad hinter sich herzieht.

Um diese farbigen Muster richtig zu deuten, brauchen Experten wie Holst viel Erfahrung. Er ist seit 15 Jahren bei DMT, hat schon während seines Geophysik-Studiums in Hamburg dort angefangen und auch seine Diplomarbeit im Unternehmen geschrieben. Heute sieht ein klassischer Auftrag so aus: Wenn Versorgungsunternehmen eine neue Trasse legen wollen, dann schaut Holsts Team mit dem Georadar nach, ob und wo im Untergrund noch Platz dafür ist. Doch neben der Trassenplanung für Leitungen und Rohre ist die Expertise auch bei Einsätzen gefragt, bei denen es darum geht, dem Untergrund Geheimnisse zu entlocken.

Unverhofft kommt dabei oft: So lautete beispielsweise der Auftrag im Stendaler Dom St. Nikolaus zunächst, im Rahmen einer geophysikalischen Baugrunderkundung mögliche Hohlräume zu entdecken, die die Standsicherheit eines Baugerüsts für die Sanierung des Doms gefährden könnten. „Erst im Gespräch mit dem Pfarrer habe ich erfahren, dass unter dem Dom das Grab des Domstift-Gründers Heinrich von Gardelegen liegen sollte, aber niemand wisse, wo genau“, erzählt Holst. „Das macht das Ganze natürlich nochmal spannender.“ Und es hat dann schon etwas von Indiana Jones oder den Abenteuern von Professor Robert Langdon in Dan Browns Weltbestsellern, wenn Christian Holst verborgene Geheimnisse in den historischen Fundamenten aufspüren kann. Für die Messung auf einer Fläche von 1.400 Quadratmetern wurden die Sitzbänke aus dem Dom entfernt, damit Holsts Messteam mit seinem Georadar-Wagen den Dom-Fußboden abfahren konnte.

Grundriss Stendaler Dom

Eine Georadar-Messung (auch als Bodenradar oder Georadar-Tomografie bekannt) nutzt elektromagnetische Wellen, um Strukturen und Anomalien im Untergrund sichtbar zu machen. Die farbliche Codierung auf dem Bild gibt Hinweise auf unterschiedliche Materialdichten oder unterirdische Strukturen.

  • Blaue Bereiche deuten wahrscheinlich auf homogene Materialien ohne größere Anomalien hin.
  • Gelbe und rote Bereiche könnten auf Anomalien, wie Hohlräume, Schichtenwechsel, Leitungen oder archäologische Fundstrukturen hindeuten.

In diesem Fall könnten die roten und gelben Bereiche in der Gruft auf Hohlräume, Begräbnisstätten oder andere interessante Strukturen hinweisen, die unter der Oberfläche liegen. Die Methode wird oft in der Archäologie eingesetzt, um unterirdische Gegebenheiten zu erkunden, ohne das Mauerwerk oder den Boden beschädigen zu müssen.

Die Fähigkeiten des Georadars, dem Untergrund seine Geheimnisse zu entlocken, haben Christian Holst auch schon mehrfach mitten in laufende Mordermittlungen geführt. So makaber es klingt: Mit dem Georadar lassen sich auch einbetonierte oder vergrabene Leichen oder Gegenstände orten. Holst erinnert sich an einen Morgen in einem norddeutschen Kommissariat, wo an einer Pinnwand Fotos und Dokumente zu einem Mordfall hingen. „Das war wie im Fernsehen beim ‚Tatort‘ und es waren wirklich keine schönen Bilder.“ Damals ging es um den Fall einer ermordeten Frau, deren Leiche in der Weser entdeckt worden war. Holst war von der Polizei um Hilfe gebeten worden. Er suchte mit dem Georadar auf dem Grundstück mehrerer Verdächtiger nach vergrabenen Beweismitteln. „Vom Hamburger Landeskriminalamt wurden wir vor vier Jahren zu den Ermittlungen für einen Cold Case angefragt“, sagt Holst. Dabei ging es um einen 40 Jahre zurückliegenden Mordfall. „Da haben wir in einer Lagerhalle und in einem Kellerraum nach verborgenen Beweismitteln gesucht, aber nichts gefunden.“ In einem anderen Fall haben Holst und seine Kollegen von DMT-ES im Auftrag der Kripo eine Kleingartenparzelle durchsucht und tatsächlich etwas im Untergrund geortet. Die Leichenspürhunde schlugen zwar nicht an, dennoch hat die Polizei dann an der Stelle graben lassen. „Das war sehr spannend, alle standen gespannt um das Loch herum“, erinnert sich Holst. Letztlich war dort aber nur Müll vergraben.

Vom Hamburger Landeskriminalamt wurden wir vor vier Jahren zu den Ermittlungen für einen Cold Case angefragt. Dabei ging es um einen 40 Jahre zurückliegenden Mordfall. Da haben wir in einer Lagerhalle und in einem Kellerraum nach verborgenen Beweismitteln gesucht, aber nichts gefunden.

„Diese Vielseitigkeit macht meinen Beruf so spannend“, sagt Holst, der in seiner Freizeit sehr erfolgreich eine weibliche C-Jugend-Handballmannschaft trainiert, die gerade in die Oberliga aufgestiegen ist. Durch seine Arbeit als Geophysiker bei DMT-ES lerne er viele Menschen kennen, die er sonst nie treffen würde. Er bekomme Einblicke in Bereiche, die ihm sonst verschlossen blieben, wie das Innere eines Marine-Stützpunktes zum Beispiel. Und er führe interessante Gespräche, die er sonst nicht führen könnte. So sei er während einer Messung in einer Bundespolizei-Kaserne mit einem Polizisten ins Gespräch gekommen. „Das war zu Zeiten, als die Castoren mit radioaktiven Abfällen auf der Schiene Richtung Gorleben rollten und es dagegen massive Proteste gab“, erinnert sich Holst. Der Polizist habe ihm geschildert und gezeigt, wie raffiniert sich die Gegner:innen mit ausgeklügelten Mechanismen an die Schienen gekettet hatten, um der Polizei die Räumung so schwierig wie möglich zu machen.

Das außergewöhnliche Georadar-Projekt im Stendaler Dom St. Nikolaus ist mittlerweile abgeschlossen – und tatsächlich hat der DMT-Experte im Untergrund in einer Tiefe von einem halben Meter Strukturen entdeckt, die das Grab des Domstift-Gründers abbilden könnten. „Die Gruft befindet sich möglicherweise im Hohen Chor des Doms“, sagt Holst. Das haben dem Experten zumindest die Strukturen verraten, die das Georadar ihm auf den Laptop geschickt hat. Ob die Kirche nun die Grabung veranlassen wird, um zweifelsfrei zu wissen, ob der gemessene Hohlraum die gesuchte Gruft ist, das ist noch unklar. Klar ist aber: Ein Baugerüst sollte dort nicht stehen.